Eine Geschichte passiert. Am Rande der Paragraphen.
Sina. Keine Antwort vernünftig genug vor diesen Augen.
Dein Gedächtnis, in dem dir alle Schriftzeichen durcheinandergeraten, es reicht nicht einmal für die Buchstaben deines Namens. Aber dieser Sommer, er wird dir bleiben.
Sina. Durch Schwachsinn und mongoloides Aussehen gekennzeichnete Störung. Wie leicht schüttet der Brockhaus Begriffe in ein Schweigen.
Mit diesem einen Satz hat sich alles verändert. Er hätte
auch Nein sagen können. Hätte sich herausreden können.
Hätte Zeit gewinnen können. Aber vielleicht hätte
die Zeit dann gegen ihn gewonnen. Dieser eine Satz. Nie hätte
er ihm diese Veränderung zugetraut.
Ich muß dir was Wichtiges sagen, sagte sie, zog mich zur Seite. Mit ihren Kinderarmen. Folgte mir in mein Zimmer. Es gibt nur ein Wichtiges, das man sich hinter geschlossenen Zimmertüren sagt, schoß es mir durch den Kopf, als sie die Türklinke losließ.
Aber sie war doch erst elfeinhalb, jenseits jeglicher Befürchtung.
Dann die Gewißheit, dieses Nichtmehrentkommenkönnen, wie sie vor mir stand, näherkam, schweigend, lächelte und plötzlich sagte: Ich liebe dich.
Ich sah meine Hand auf einmal sich erheben, eine Hand, die plötzlich nicht mehr mir zu gehören schien, nicht mehr mir hörig schien, wie sie diesem kleinen Mädchen über das Haar strich, meine Zunge sprach plötzlich die Worte eines anderen, Worte, die versuchten, Zeit zu gewinnen: Du bist sehr lieb; aber dieses Lächeln, es kam immer näher, eine Bedrohung, ein Augenblick, der soviel entscheiden würde, dieses Gesicht, es kam immer näher, auf Zehenspitzen schon stellte sie sich, und ihre Lippen, plötzlich hatten sie meine berührt, einen Augenblick nur, aber er hatte so vieles entschieden, hatte die Zukunft dieser gerade erst begonnenen Sommerwochen schon festgeschrieben, hatte einem Mädchen einen Traum geschenkt, mit einem Strahlen im Gesicht aus dem Zimmer gehen lassen, als hätte sie eine Liebe fürs Leben gefunden.
[...]
Der vollständige Text ist nachzulesen im Buch: Die Beschleunigung des Lebens! Das Ich und das Du und der Strom der Veränderung, Anthologie des 5. Harder Literaturwettbewerbes, Hecht-Verlag, Hard, 1997
Er saß auf der Bank am Straßenrand
und überlegte, ob er in das Haus gehen sollte, das auf der
anderen Seite lag. Er beobachtete das Schaukeln der Straßenlampe
im Wind, die mit Draht zwischen die Häuserzeilen gespannt
war. Neonschein, grün, Neongrün, dachte er sich, das
Grün, das ihm wohl vertraut war. Operationssaalgrün.
Doch da rief ihn gleich wieder sein Verstand zur Ordnung. Vergiß
es, sagte er zu sich, du bist jetzt hier, in dieser Stadt, in
diesem Land, von Beruf Installateur, die Nächte draußen
werden immer kühler, alles andere vergiß, mach keinen
Fehler. Sie brauchen dich hier nur als Installateur.
In der Hand hielt er einen Zettel. Ein Bekannter, nein, eigentlich
ein flüchtig vertraut Gewordener, Rumäne, so wie er,
hatte ihm eine Adresse zugesteckt. Am Bahnhof hatte er ihn getroffen.
Eine Nacht hatten sie gemeinsam dort verbracht, auf dem Abstellgleis,
im Waggon. Bis die plötzlich kamen, mit ihren Hunden: "Los,
ihr faules Gesindel, macht, daß ihr weiterkommt, sonst holen
wir die Polizei."
Er zündete sich eine Zigarette an, und überlegte, während
er in einer Hand immer noch den Zettel hielt, ob er hinübergehen
sollte, ins Hotel. Der Boss dort, so hatte man ihm erklärt,
wäre Rumäne; vielleicht war das endlich eine Chance,
vielleicht war es seine Chance. Hauptsache irgendetwas tun, dachte
er sich, sein Kreuz verkaufen, bevor die Nächte im Freien
unerträglich werden. Kellner würden gesucht, das hatte
er oft gehört. Und er hatte ja inzwischen Deutsch gelernt,
im Flüchtlingslager, drei Monate lang. Außerdem hatte
er schon öfter als Aushilfskellner gejobbt, früher,
in den Ferien, während des Studiums.
Er öffnete die Tür. Die Festigkeit seiner Schritte war
nur gespielt. Er fühlte sich getrieben von der Angst, jeder
Schritt könnte ein Fehltritt sein, ein Schritt an den Abgrund,
der hieß: Abschiebung. Ohne Papiere würde alles ganz
schnell gehen.
Jeden Blick, der auf ihn fiel, glaubte er zu spüren. Bestimmt
messen die mich jetzt ganz genau, dachte er sich. Man muß
es mir ja ansehen, daß ich nicht hierhergehöre. Nicht
in dieses Hotel, in dem alles so ordentlich ist, nicht in dieses
Land, wo man sich auch ohne seine Fäuste behaupten konnte,
wenn man nur die richtigen Papiere hatte.
Er ging auf den Mann hinter der Bar zu. "Guten
Tag", sagte er, lehnte sich selbstbewußt an die Theke.
"Guten Tag. Sie wünschen?" Erwiderte der Kellner.
"Möchte sprechen mit Chef."
"So?"
"Suchen Arbeit."
"Ah, Jugo?"
Er wurde rot, fühlte sich ertappt. Dabei hatte er sich solche
Mühe gegeben, als einer zu erscheinen, der sich der Landessprache
schon bemächtigt hatte.
"Rumäne." Sagte er knapp und kühl.
"Achso. Verstehe. Ich werde einmal den Herrn Chef herholen."
Mit diesen Worten verschwand der Kellner hinter einer Tür.
"Sie wollen also arbeiten, bei uns?" Fragte der Chef,
ein dunkelhäutiger, bulliger Typ, den Fremden, während
er ihn musterte.
"Ja."
"Und Sie haben schon gearbeitet im Gastgewerbe?"
"Habe schon oft gemacht Arbeit als Kellner."
"Ist aber nicht Ihr Beruf?"
"Habe gelernt Installateur."
"Hilfskräfte können wir immer brauchen."
"Ist für mich egal. Mache alles."
"Ihr Deutsch ist nicht schlecht," wechselte der Chef
jetzt in seine Muttersprache, "für einen Rumänen
wirklich gut."
"Wir können weiter sprechen auf Deutsch", zeigte
sich der Rumäne stolz auf seine Sprachkenntnisse.
"Wir wollen die Sache nicht unnötig kompliziert machen",
erwiderte der Geschäftsführer auf Rumänisch. "Aus
welcher Stadt sind Sie eigentlich?"
"Aus Bukarest."
"Ja ... Bukarest ... habe ich schon lange nicht mehr gesehen
..."
"Sie sind auch von dort?" Wollte sich der Fremde anteilnehmend
zeigen.
"Nein. Aus Klausenburg. Eine schöne Stadt. Gewesen.
Alles herunterge-kommen. Während die in Bukarest sich ihre
Paläste bauten. Aber, jetzt bin ich Österreicher.
Österreich ist gut. Alles perfekt. Und für Arbeit gibt
es richtiges Geld. Ich möchte nicht mehr zurück. Rumänien!
Das ist nichts mehr für mich. Wer hat Sie eigentlich
hierhergeschickt?"
"Ich habe nur gehört, es gibt Arbeit bei Ihnen."
"Wer hat Ihnen das gesagt?" Wurde der Geschäftsführer
neugierig.
"Ich weiß seinen Namen nicht; habe ihn nur getroffen,
am Bahnhof."
"Bahnhof. Soso. Sie schlafen also am Bahnhof?"
"Habe noch keine Wohnung gefunden, ohne Arbeit ..."
"Und Ihre Papiere?"
Der Mann griff in seine Jackentasche und zog seinen Paß
heraus, hielt ihn dem Geschäftsführer hin, der nur einen
kurzen Blick hineinwarf.
"Daß Sie aus Rumänien sind, wissen wir ja. Aber
wo ist Ihre Arbeitsge-nehmigung?" Bohrte der Chef nach.
"Habe noch keine Papiere. Aber auf der Polizei haben sie
mir gesagt, ich werde welche bekommen," versuchte der Rumäne,
überzeugend zu wirken.
"Ja, das sagen sie alle. Und dann habe ich nur Probleme mit
der Polizei, wegen Schwarzarbeit."
Aber ich werde die Papiere bekommen, hundertprozentig."
"Ja, ja. Weiß schon", winkte er ab.
"Sie haben also Arbeit für mich?"
[...]
Der vollständige Text ist (in englischer Übersetzung) nachzulesen im Buch: Against the Grain, New Anthology of Contemporary Austrian Prose, Ariadne Press, Riverside (USA), 1997
© Martin Ohrt
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